Textatelier
BLOG vom: 21.10.2016

Smart: schmerzhaft und intelligent

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland


Viele Menschen fahren einen "Smart", besitzen ein Smartphone, gehen bei einer smarten Geschäftsfrau einkaufen, schauen auf ihre Smartbox.

Das sächsische Bildungsministerium formuliert zur individuellen Förderung "Smart"-Kriterien:

S=Spezifisch
das bedeutet: konkret und unmissverständlich zu benennen, worum es geht (im Sinne von „klar formuliert“)

M=Messbar
das bedeutet,das Ziel so zu formulieren, dass später objektiv zu erkennen ist, ob das Ziel erreicht wurde oder nicht

A= Attraktiv/ Akzeptabel/ Aktiv
- das bedeutet, den Endzustand positiv zu beschreiben
- das bedeutet, dass das Ziel von allen Beteiligten akzeptiert wird
- das bedeutet, das Ziel aktiv zu formulieren, d.h. dass aktive Verben verwendet werden müssen

R= Realistisch
das bedeutet, Ziele zu formulieren, die durch das eigene Verhalten aktiv beeinflusst werden können
Ziele sollten gleichzeitig machbar und herausfordernd sein

T=Terminiert
das bedeutet, die Zielkontrolle zu unterstützen, in dem bei der Formulierung festgelegt wird, zu welchem (konkreten) Zeitpunkt das Ziel erfüllt sein soll. (1)

Wussten Sie, dass das Wort "smart", etwas mit unseren deutschen "Schmerzen" zu tun hat? Viele Benutzer eines Smartphones, die dauernd Probleme haben, weil es nicht funktioniert, würden mir blindlings zustimmen! (Ganz bestimmt die Benutzer, deren Gerät explodiert ist, als der Akku in Brand geriet!)

"Schmerz ‘peinigende, wehtuende körperliche oder seelische Empfindung’. Das nur westgerm. bezeugte Substantiv ahd. smerza f. (9. Jh., mhd. smerze, mnd. smerte, smērte, smarte f., mnl. smerte, smarte, nl. smart.
In der Bedeutung von: sich stechend anfühlen, im übertragenen Sinne auch: sich aufgebracht und zornig fühlen. Das Adjektiv hat eine altenglische Herkunft: smeortan: schmerzvoll sein." (2)

Im etymologischen Wörterbuch aus den Niederlanden kann man lesen:
"smart, mittelniederländisch/-niederdeutsch smerte (ca. 1265-1270), smarte (1254),althochdeutsch smerza; (neuhochdeutsch Schmerz),
hängt im Ablaut zusammen mit altenglisch *smeart, schmerzhaft (neuenglisch smart) und gehört zu dem indogermanischen Wort (s)merd-'beissend', vergleiche mordeo 'ich beisse'." (3)

Das Oxford English Dictionary (OED):
"In the case of 'smart' or 'smarts,' as it relates to pain, the OED reports the first usage in ABOUT the year 1200, when the word was spelled 'smerten.' It had various spellings through the years. Its '"cousins' are 'that hurts,' 'that stings,' and other similar phrases. An example is that salty perspiration running into one's eyes caused them 'to smart.'  People have been 'smarting' from injuries for centuries!" (4)

Ja ja, es brennt in den Augen, wenn der salzige Schweiss hineinläuft!

Übrigens:
Im November 2014 wurde beim Unterhaltungselektronikhersteller Smart Electronic ein vorläufiges Prüfungsverfahren zur Insolvenz eingeleitet! Das muss für alle Beiligten sehr schmerzvoll gewesen sein! Vielleicht war es auch nur ein "smarter" Schachzug der Geschäftsführung! (Es soll der Firma wieder besser gehen!)

Denn "smart" bedeutet heutzutage etwas anderes, nämlich: unter anderem (wie unten ausgeführt), clever, geschäftstüchtig, weltmännisch, elegant!

Im Zusammenhang mit den modernen Kommunkationstechniken
wird "smart" mit "intelligent" gleich gesetzt.

"Intelligent" ist jemand mit einer schnellen Auffassungsgabe, klug, geistig begabt und mit enormer Verstandeskraft verbunden.

Etymologisch kommt der Begriff Intelligenz vom Lateinischen "intelligentia" (von "inter legere" = auswählen durch kritische Beachtung der relevanten Merkmale, ein Ding/einen Begriff richtig einordnen).

Intelligenz ist also nichts anderes als ein Name für die Gemeinsamkeiten von Verhaltensweisen, die man intuitiv mit den sog. "geistigen Leistungen" in Verbindung bringt.

Kann ein Gerät intelligent sein?

Was sind smarte Produkte?

"Bei smarten oder intelligenten Produkten handelt es sich um Produkte, die einen Zusatznutzen zum reinen Produktnutzen bieten. Dieser zusätzliche Nutzen kommt durch Datensammlung zustande. Diese Daten können dann ausgewertet werden oder befähigen das Produkt, autonom Aktionen auszuführen. Auch durch die externe Steuerung über eine App wird ein Produkt smart, wie beim Einstiegsbeispiel der Kaffeemaschine.
Intelligente Produkte bestehen dabei aus den herkömmlichen physischen Komponenten und Komponenten zur Datenerfassung (Sensoren oder ein integriertes Betriebssystem). Dazu können Komponenten treten, die für die Vernetzung zuständig sind, also Schnittstellen, die den Datentransfer sicherstellen und damit Funktionen aus dem physischen Produkt auslagern." (5)

Bringt diese Definition weiter? In meinem Verständnis hat Intelligenz etwas mit Klugheit zu tun. Wird ein Gerät "klug", wenn es neben der grundlegenden Funktion zusätzliche Möglichkeiten bietet, also bei vorher bestimmten Situationen sich (selbständig) ein- und auszuschalten, von fern per Funk regelbar zu sein?

Hinter jedem Computerprogramm stecken sicher intelligente Programmierer. Es wird behauptet, "smart" bedeute intelligente Vernetzung. Übertragen Programmierer ihre Intelligenz auf eine Maschine, damit diese so funktioniert, wie sie es situationsgebunden tun soll?

"Smart != intelligent
Darunter ist der erste intelligente Heizkörperregler von AVM
Auch wenn der Begriff 'Smart' mit 'intelligent' übersetzt werden könnte, so halte ich das in diesem Fall für falsch.
Den Begriff 'Smart Home' kennt man so nur im deutschsprachigen Raum, im englischen heisst es Home automation. Und genau das ist es auch: Durch die Vernetzung von diversen Geräten kann ein Haus mehr oder weniger gut automatisch gesteuert werden.
Nur weil ein Heizkörperregler per Funk auf- oder abgedreht werden kann, so wie ich ihn konfiguriert habe, muss man doch nicht gleich von intelligent sprechen, das halte ich für übertrieben.
Dass ein Redakteur eines IT-Magazins die selben hohlen Phrasen der PR- und Marketingabteilungen wiederkaut, das ist sicher nicht smart." (6)

Der Verfasser dieses Beitrages bezeichnet die Benutzung von "smart" als "hohle Phrase der PR- und Marktetingabteilungen!

Es wird nämlich suggeriert, wenn ich das Gerät kaufe, kaufe ich mir zusätzliche intelligente Fähigkeiten. Die Leistungen, die ich erwerbe "erweitern meinen Geist"?

Die Geräte können zweifellos in bestimmten Situationen schneller reagieren, als der Mensch, beispielsweise bei Brandgefahren oder bestimmten Ereignissen, die immer wieder wiederholt werden oder die "unnormal" sind, also nicht den regulären Abläufen entsprechen.

Aber: können sie auch denken? Haben sie Verstand?

Ich könnte mich auf die Definition verständigen, die Intelligenz mit "mit Sinn und Verstand wahrnehmen, erkennen, verstehen" etymologisch umschreibt.

Smarte Maschinen sind fähig, etwas zu erfassen und programmgemäss zu schalten. Sie haben keinen Verstand und keine (menschlichen) Sinne! Wenn ich allerdings die ursprüngliche Bedeutung "inter legere" zugrunde lege, "auswählen und richtig einordnen"? Dann könnte man in diesem Sinne von intelligenten Maschinen sprechen!

Zu guter Letzt kommt mir der schöne niederländische Begriff "smartlappen" in den Sinn! Das sind "Schnulzen" ("Schmachtlappen"), sentimentale Lieder über tragische Ereignisse im Leben, voller Sehnsucht und Verlangen! Ob sie "smart" sind?

Quellen

  1. http://www.sachsen.ganztaegig-lernen.de/sites/default/files/Ideenbörse_Bildungsvereinbarung_SMART_Ziele.pdf
  2. www.dwds.de › Definitionen › schmerzlich
  3. De Vries, J.,, De Tollenaere, F. Etymologisch Woordenboek, Het Spectrum, Utrecht, 16. Druck 1991
  4. http://en.allexperts.com/q/Etymology-Meaning-Words-1474/2009/7/smarts.htm
  5. https://www.itizzimo.com/smart-ist-trumpf-warum-produkte-intelligent-werden/
  6. https://www.heise.de/forum/heise-online/News-Kommentare/AVM-kuendigt-weitere-Fritzbox-und-Smart-Home-Zubehoer-an/Smart-intelligent/posting-29126039/show/

 

 


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